Selten bespreche solche Themen auf meinem Blog. Da besteht eine große Gefahr, dass sich die Diskussion der Sachlichkeit entzieht. Aber das Thema Flüchtlinge ist bereits so breit, emotional und unsachlich diskutiert, dass ich mich doch entschlossen habe, etwas dazu zu schreiben.

“Im Grunde ist es menschlich und selbstverständlich, dass jeder versucht dorthin zu gehen wo seine Lebensumstände besser werden können, was immer es auch heißt.”

Nach Österreich bin ich im Jahr 2001 gekommen. Gekommen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich wollte in Österreich leben und sah ich hier auch die Chance gut zu verdienen. Ich fand am WIFI Wien eine Möglichkeit mich weiterzubilden, doch die Preise waren für meine damaligen Verhältnisse unerschwinglich. Durchschnittsgehalt in der Slowakei waren damals 410 Euro[1], Kurskosten pro Semester 1500€. Mir ist eben nichts anderes geblieben, als einen Kredit zu nehmen der in der Slowakei damals mit 12% p.a. verzinst war, kaum davon zu sprechen dass ich noch zusätzliche Garantien benötigt hatte um diesen Kredit überhaupt bekommen zu können. Manchmal habe ich manche meiner Kollegen beneidet, die die Kurskosten von Arbeitsmarktservice bezahlt bekamen, obwohl es für sie nie ein Thema war, in der IT-Branche arbeiten zu wollen. Ich war dennoch optimistisch damit eine gute und faire Chance auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen. Die Realität war jedoch ganz anders. Ich hatte zwar keine Probleme geeignete Arbeitgeber zu finden, aber umso größere Schwierigkeiten, die damals noch notwendige Arbeitserlaubnis zu bekommen. Die Erniedrigungen – ob beim Arbeitsmarktservice oder beim täglichen Passieren von Grenzen – waren manchmal schwer zumutbar. Ein Zustand, den sich viele heute nicht mehr vorstellen können und wollen. Im Grunde ist es menschlich und selbstverständlich, dass jeder versucht dorthin zu gehen wo seine Lebensumstände besser werden können, was immer es auch heißt. Das war schon immer so und wird es auch immer bleiben, nennen wir diesen Umstand wie wir es wollen. Rund 264.000 Österreicher leben oder arbeiten in einem anderen EU oder EFTA-Staat[2], aus der Slowakei sind es 135.700[3], Tendenz steigend. Also, auch wir, die wir in Frieden und Wohlstand leben (im Vergleich zu Flüchtlingen aus negativen Drittstaaten), wandern. Warum wundern wir uns dann, wenn es andere tun?

Der Ruf nach Wiedereinführung von Grenzen

“Mit einem Aufwand von 2 Minuten und 10 Beamten für einen Grenzübergang wird es etwa 6 Stunden dauern bis man diese Menge in eine Richtung abfertigt. Und da sprechen wir nur von Pendlern aus der Slowakei, dazu kommen noch andere Reisende und andere Länder.”

Für jene, die der Vergangenheit nachtrauern, wo es alles “funktionierte”, und sich nach der Einführung von Grenzkontrollen sehnen, habe ich eine schlechte Nachricht: Das wird nicht mehr so einfach funktionieren. Es pendeln 40.000 Menschen täglich zur Arbeit von und nach Österreich (wohlgemerkt um 60.000 weniger als im Jahr 2011 prognostiziert wurde)[4], dennoch ist es eine beträchtliche Zahl. Wird für jede Person ein Durchschnittsaufwand von 2 Minuten für eine Grenzkontrolle berechnet, dann schafft es ein Beamte in einer Stunde 30 Personen zu kontrollieren. Aus der Slowakei arbeiten in Österreich etwa 33.600 Leute[3], davon ist jedoch nicht jeder gleich ein Pendler. Gehen wir optimistisch von einem Drittel aus, dann sind es immerhin 11.200 Leute. Gleichverteilt auf Straßen-, Eisenbahn- und sonstige Übergänge[4] (ich habe mit sechs gerechnet) sind es etwa 1.866 Leute je Grenzübergang. Mit einem Aufwand von 2 Minuten und 10 Beamten für einen Grenzübergang wird es etwa 6 Stunden dauern bis man diese Menge in eine Richtung abfertigt. Und da sprechen wir nur von Pendlern aus der Slowakei, dazu kommen noch andere Reisende und andere Länder. Machbar? Kaum, außer man findet einen technisch automatisierten Weg. Die Frage ist, ob es überhaupt das Grundproblem löst. Meiner Meinung nach nicht.

Integration bietet eine Chance

Mal eine Behauptung: Ich glaube dass wir in Europa sehr hohe Standards was Gesundheit, Umwelt und Soziales betrifft, haben. Warum nutzen wir die Integration nicht als Chance, unsere Werte auf diese Art und Weise, gewaltlos, zu verbreiten? Warum sehen wir nur schwarz und weiß? Oder etwa nur schwarz und schwarz? Rassismus ist meiner Meinung nach ein Ausdruck von Angst, vielleicht sogar ein Minderwertigkeitskomplex. Wir haben im Laufe der Geschichte gesehen, dass Rassismus und damit verbundene Taten keine Lösungen, sondern nur Verluste mit sich bringen.

“Die Grenzen in unseren Köpfen werden als Lösung nicht reichen.”

Die Weltbevölkerung umfasste zum Jahreswechsel 2014/15 rund 7,28 Milliarden Menschen[5] und nimmt weiter zu. Die Massenwanderung steht noch bevor. Wir sind eine globalisierte Welt mit sich immer mehr ausbreitenden Wechselwirkungen. Wenn ein System, egal ob politisch oder wirtschaftlich, ins Schwanken gerät oder gleich zusammenbricht, wird es immer mehr Auswirkungen auf uns haben, egal ob es uns gefällt oder nicht. Das zeigt sich auch am Beispiel jetziger Ereignisse. Dort hat Politik versagt, denn wir haben Probleme in anderen Regionen lange Zeit ignoriert, korrupte Regierungen geduldet, und den Umweltschutz auf eine lokale Ebene beschränkt. Einige Zeit hat das mehr oder weniger funktioniert, in Zukunft wird es das jedoch nicht mehr.

Wenn jemand glaubt, Probleme dieser Welt mit Lösungen aus dem vergangenen Jahrhundert lösen zu können, ist es nichts anderes als Populismus. Es steht außer Diskussion, dass wir in Europa langfristig keine Kapazitäten haben beliebige Mengen an Flüchtlingen aufzunehmen. Es gibt aus meiner Sicht grundsätzlich nur zwei mögliche Ausgänge: Entweder es gelingt uns, die anderen Regionen zu stabilisieren und dort Wohlstand zu ermöglichen, oder es erwarten uns eher düstere Zeiten mit ungewissen Aussichten. Die Grenzen in unseren Köpfen werden als Lösung nicht reichen.